Lerntypen teilen Lernende nach bevorzugtem Sinneskanal ein: visuell, auditiv, kommunikativ oder motorisch. Das Konzept stammt vom Chemiker Frederic Vester. Kontrollierte Studien belegen keinen Lernvorteil durch typgerechtes Lernen. Wirksam sind stattdessen Methoden wie Active Recall und verteiltes Üben, die für alle Lernenden funktionieren.
Das Lerntypen-Konzept unterscheidet vier bis sieben Typen nach bevorzugtem Sinneskanal und geht in Deutschland auf Frederic Vester (1975) zurück. Die Übersichtsarbeit von Frank Coffield (2004) fand 71 verschiedene Lernstil-Modelle ohne belastbare Grundlage. Harold Pashler und Kollegen (2008) belegten, dass typgerechter Unterricht keinen messbaren Lernvorteil bringt. Trotzdem glauben laut Philip Newton rund 89 Prozent der Lehrenden weiter an das Modell. Nachweislich wirksam sind Active Recall, verteiltes Üben und Dual Coding.
Welche Lerntypen gibt es?
Das klassische Modell unterscheidet vier Lerntypen nach dem bevorzugten Sinneskanal: den visuellen, den auditiven, den kommunikativen und den motorischen Typ. In Deutschland verbreitete der Chemiker und Biokybernetiker Frederic Vester dieses Schema 1975 in seinem Buch „Denken, Lernen, Vergessen“. International ist die Variante als VAK-Modell bekannt.
Das VAK-Modell ist ein Lernstil-Konzept, das Lernende in visuelle, auditive und kinästhetische Typen einteilt. Der visuelle Typ lernt angeblich am besten über Bilder und Texte, der auditive über Hören und Sprechen, der kinästhetische über Bewegung und Anfassen. Vester ergänzte den kommunikativen Typ, der über Gespräche lernt.
Über die vier Grundtypen hinaus existieren zahlreiche Erweiterungen. Das VARK-Modell von Neil Fleming fügt „Read/Write“ als eigenen Kanal hinzu. Andere Modelle unterscheiden nach Persönlichkeit, Denkstil oder Hemisphären. Frank Coffield identifizierte in seiner Übersichtsarbeit von 2004 insgesamt 71 verschiedene Lernstil-Modelle, was die Beliebigkeit des Feldes zeigt.
Die Grundannahme aller Modelle ist gleich. Jeder Mensch habe einen dominanten Kanal, und Lernen gelinge am besten, wenn der Stoff über diesen Kanal vermittelt werde. Diese Annahme heißt in der Forschung Meshing-Hypothese. Genau sie hält der wissenschaftlichen Prüfung nicht stand.
Welcher Lerntyp bist du – und wie testet man das?
Lerntyp-Tests bestimmen den vermeintlichen Kanal über Selbsteinschätzungs-Fragebögen. Bekannte Beispiele sind der VARK-Fragebogen und zahlreiche kostenlose Online-Tests. Diese Tests messen die eigene Vorliebe, nicht die tatsächliche Lernleistung über einen Kanal. Das ist der zentrale methodische Schwachpunkt.
Ein typischer Test fragt nach Alltagssituationen. Beispielfrage: „Wie merkst du dir eine Wegbeschreibung – über eine Karte, über gesprochene Anweisungen oder durch Abgehen der Strecke?“ Aus den Antworten errechnet der Test einen dominanten Typ. Das Ergebnis beschreibt eine Präferenz, also was sich angenehm anfühlt.
Präferenz und Leistung fallen aber auseinander. Eine Person kann Bilder bevorzugen und trotzdem über Text mehr behalten. Die Vorliebe für einen Kanal sagt nichts über die tatsächliche Behaltensleistung aus. Genau diesen Unterschied prüften kontrollierte Studien, und das Ergebnis fiel eindeutig aus.
Der eigentliche Wert eines Lerntyp-Tests liegt nicht im Ergebnis, sondern im Nebeneffekt: Wer den Test macht, denkt zum ersten Mal bewusst über die eigene Lernweise nach. Diese Metakognition wirkt tatsächlich, aber unabhängig vom „Typ“. Statt einem einzelnen Kanal zu folgen, ist der praktische Nutzen maximal, wenn du bewusst mehrere Kanäle kombinierst: Text lesen, laut zusammenfassen und selbst aufschreiben. Der Test taugt als Startgespräch über Lernen, nicht als Etikett fürs Leben.
Funktioniert das Lernen nach Lerntypen wirklich?
Nein, kontrollierte Studien belegen keinen Lernvorteil durch typgerechtes Lernen. Die Psychologen Harold Pashler, Mark McDaniel, Doug Rohrer und Robert Bjork prüften 2008 in der Fachzeitschrift „Psychological Science in the Public Interest“ die gesamte Evidenz und fanden keine belastbare Studie, die die Meshing-Hypothese stützt. Der Kanal-Match verbessert die Leistung nicht.
Für einen sauberen Nachweis wäre ein bestimmtes Studiendesign nötig. Lernende müssten nach Typ getestet, dann zufällig auf passende und unpassende Vermittlungsformen verteilt und anschließend mit demselben Test geprüft werden. Nur wenn jeder Typ mit seinem Kanal besser abschneidet, gilt die Hypothese als belegt. Pashler und Kollegen fanden fast keine Studie mit diesem Design, und die wenigen sauberen Studien widerlegten die Annahme.
Auch die breite Forschungslage bestätigt das Ergebnis. Frank Coffield und Kollegen kamen 2004 im Auftrag des britischen Learning and Skills Research Centre nach Prüfung von 71 Modellen zu dem Schluss, dass die meisten keine unabhängige empirische Grundlage haben. Spätere Übersichtsarbeiten, etwa von Philip Newton, bestätigten, dass es weiterhin keine tragfähige Evidenz für den Lernstil-Ansatz gibt.
Der Konsens der Lernforschung ist deutlich. Menschen haben Vorlieben, aber diese Vorlieben steuern nicht, wie gut sie lernen. Entscheidend ist, dass die Vermittlungsform zum Inhalt passt, nicht zum vermeintlichen Typ. Ein Kartenverlauf lernt sich visuell besser, ein Gedicht über Klang, unabhängig vom Lernenden.
Warum hält sich der Lerntypen-Mythos so hartnäckig?
Der Lerntypen-Mythos hält sich, weil er intuitiv einleuchtet, Verantwortung verlagert und kommerziell genutzt wird. Trotz klarer Gegenevidenz stimmen laut einer Übersicht von Philip Newton und Kollegen rund 89 Prozent der befragten Lehrenden dem Konzept weiter zu. Der Glaube ist stabiler als die Datenlage.
Drei Gründe erklären die Langlebigkeit. Erstens fühlt sich das Modell plausibel an, weil jeder Präferenzen kennt und diese mit Leistung verwechselt. Zweitens entlastet es: Wer als „kein visueller Typ“ gilt, muss Misserfolg nicht der Methode zuschreiben. Drittens verdienen Anbieter von Tests, Seminaren und Materialien am Konzept, was seine Verbreitung antreibt.
Der Mythos richtet auch Schaden an. Wer sich auf einen Kanal festlegt, meidet wirksame Methoden, die einen anderen Kanal nutzen. Ein Schüler, der sich für „nicht auditiv“ hält, verzichtet vielleicht auf das laute Erklären, obwohl gerade das Selbst-Erklären nachweislich das Behalten stärkt. Die Etikettierung schränkt ein, statt zu helfen.
Welche Lernmethoden wirken nachweislich besser?
Nachweislich wirksam sind Active Recall, verteiltes Üben, Dual Coding und verschachteltes Lernen. Diese Methoden funktionieren für alle Lernenden, unabhängig vom vermeintlichen Typ. Die Lernforschung hat ihre Wirkung in zahlreichen kontrollierten Studien bestätigt. Sie ersetzen das Typ-Denken durch belegte Prinzipien.
Active Recall ist das aktive Abrufen von Wissen aus dem Gedächtnis statt des erneuten Lesens. Wer sich selbst abfragt, festigt Inhalte deutlich stärker als durch wiederholtes Durchlesen. Dieser Effekt heißt Testing-Effekt und ist einer der robustesten Befunde der Lernpsychologie, wie der Beitrag zu Active Recall vertieft.
Verteiltes Üben, auch Spaced Repetition genannt, verteilt Lerneinheiten über mehrere Tage statt in einer langen Sitzung. Die zeitlichen Abstände zwingen das Gehirn zum wiederholten Abruf und verankern das Wissen langfristig. Karteikarten-Programme wie Anki setzen dieses Prinzip automatisch um.
Dual Coding kombiniert Sprache mit Bildern, etwa Text mit Diagrammen oder Skizzen. Diese Kombination hilft allen Lernenden, nicht nur einem „visuellen Typ“, weil das Gehirn zwei Verarbeitungswege gleichzeitig nutzt. Verschachteltes Lernen wiederum mischt verschiedene Aufgabentypen in einer Sitzung und verbessert die Fähigkeit, den richtigen Lösungsweg zu erkennen. Weitere belegte Ansätze fasst der Beitrag zu Lernmethoden, die funktionieren, zusammen.
💬 Meine Einschätzung
Die gängige Annahme lautet: Finde deinen Lerntyp, und das Lernen wird leichter. In der Praxis ist genau diese Suche eine Sackgasse. Die 71 Modelle, die Coffield 2004 fand, teilen ein Muster: Sie versprechen eine einfache Erklärung für ein komplexes Problem. Wer aber sein Etikett kennt, hat noch keine einzige Vokabel gelernt. Der ehrlichere und wirksamere Weg ist unbequemer. Aktives Abrufen, verteiltes Üben und Selbst-Erklären fühlen sich anstrengend an, gerade weil sie funktionieren. Diese produktive Schwierigkeit ist der eigentliche Hebel. Statt zu fragen „Welcher Typ bin ich?“, lohnt die Frage „Rufe ich den Stoff aktiv ab oder lese ich ihn nur wieder?“.
- Vier klassische Lerntypen: visuell, auditiv, kommunikativ, motorisch (Vester 1975)
- Coffield (2004) prüfte 71 Lernstil-Modelle – keines mit tragfähiger empirischer Basis
- Pashler et al. (2008) fanden keinen Lernvorteil durch typgerechten Unterricht
- Rund 89 % der Lehrenden glauben laut Newton dennoch an das Modell
- Präferenz für einen Kanal sagt nichts über die Behaltensleistung aus
- Nachweislich wirksam: Active Recall, verteiltes Üben, Dual Coding, verschachteltes Lernen
Häufige Fragen zu Lerntypen
Gibt es Lerntypen wirklich?
Menschen haben nachweisbare Vorlieben für bestimmte Vermittlungsformen, aber „Lerntypen“ im Sinne fester, leistungssteigernder Kategorien sind wissenschaftlich nicht belegt. Studien von Pashler et al. (2008) zeigen, dass typgerechtes Lernen die Leistung nicht verbessert. Die Vorliebe existiert, der Lernvorteil daraus nicht.
Welche vier Lerntypen gibt es nach Vester?
Frederic Vester unterschied 1975 vier Lerntypen: den visuellen Typ (Lernen über Sehen), den auditiven Typ (über Hören), den kommunikativen Typ (über Gespräche) und den motorischen oder haptischen Typ (über Bewegung und Anfassen). Dieses Schema prägte den deutschsprachigen Raum, gilt aber als überholt.
Was soll ich statt Lerntyp-Lernen tun?
Setzen Sie auf belegte Methoden statt auf Kanal-Zuordnung. Fragen Sie sich Inhalte aktiv ab (Active Recall), verteilen Sie das Lernen über mehrere Tage (verteiltes Üben) und kombinieren Sie Text mit Bildern (Dual Coding). Diese Methoden wirken bei allen Lernenden unabhängig vom Typ.
Ist das VAK-Modell dasselbe wie Lerntypen?
Das VAK-Modell ist die international verbreitete Variante des Lerntypen-Konzepts und unterscheidet visuelle, auditive und kinästhetische Lernende. Es teilt dieselbe Grundannahme und dieselbe Schwäche wie das deutsche Vester-Modell: Die zugrundeliegende Meshing-Hypothese ist wissenschaftlich nicht belegt.
Quellen und weiterführende Literatur
- Pashler, H., McDaniel, M., Rohrer, D. & Bjork, R. (2008): Learning Styles – Concepts and Evidence. In: Psychological Science in the Public Interest, Band 9.
- Coffield, F., Moseley, D., Hall, E. & Ecclestone, K. (2004): Learning styles and pedagogy in post-16 learning. Learning and Skills Research Centre.
- Frederic Vester (1975): Denken, Lernen, Vergessen. Grundlagenwerk zur Popularisierung der Lerntypen im deutschsprachigen Raum.
- Newton, P. M. (2015/2020): The Learning Styles Myth is Thriving in Higher Education. In: Frontiers in Psychology.
- Neil Fleming: VARK – A Guide to Learning Styles. Ursprung des VARK-Modells.


