Digitalisierung an BW-Schulen 2026

Wer im Frühjahr 2026 eine Realschule in Freiburg oder ein Gymnasium in Heilbronn besucht, erlebt Unterricht anders als noch vor drei Jahren. Interaktive Displays haben in vielen Klassenzimmern die alten Kreidetafeln ersetzt, Schülerinnen und Schüler arbeiten mit schulisch verwalteten Tablets, und Lehrkräfte greifen auf digitale Lernplattformen zurück, die Aufgaben automatisch auswerten. Die Digitalisierung der Schulen in Baden-Württemberg ist kein Zukunftsprojekt mehr. Sie ist laufende Praxis, mit all ihren Fortschritten und Reibungsverlusten.

Was der DigitalPakt 2.0 konkret bedeutet

Der Bund und die Länder haben den DigitalPakt Schule mit einem Nachfolgeprogramm fortgesetzt. Für Baden-Württemberg stehen im Rahmen des DigitalPakt 2.0 bis 2027 rund 630 Millionen Euro bereit, aufgeteilt zwischen Bundes- und Landesmitteln sowie kommunalen Eigenanteilen. Das klingt nach einer großen Summe. Auf die rund 4.500 allgemeinbildenden und beruflichen Schulen im Land heruntergerechnet, ergibt sich ein Durchschnittswert von etwa 140.000 Euro pro Schule, ein Betrag, der realistisch gesehen eine solide Grundausstattung ermöglicht, aber keine vollständige Transformation.

Das Kultusministerium hat die Mittel diesmal stärker an pädagogische Konzepte geknüpft. Schulen müssen einen Medienentwicklungsplan vorlegen, bevor Gelder fließen. Rund 78 Prozent der Schulen im Land haben diesen Plan bis Anfang 2026 eingereicht, ein deutlicher Fortschritt gegenüber 2023, als es noch unter 50 Prozent waren. Wer keinen Plan vorlegt, wartet weiter. Das erzeugt Druck, aber auch Qualität.

Infrastruktur: WLAN, Geräte, Support

Drei Faktoren entscheiden darüber, ob digitales Lernen im Alltag funktioniert: stabile Netzverbindung, ausreichend Endgeräte und verlässlicher technischer Support. Bei allen drei Punkten hat Baden-Württemberg Fortschritte gemacht, bei allen drei Punkten gibt es noch Lücken.

  • WLAN: Laut Landesstatistik verfügen inzwischen 91 Prozent der Schulen über eine flächendeckende WLAN-Versorgung in Unterrichtsräumen. 2022 lag dieser Wert bei 63 Prozent.
  • Endgeräte: Die Schüler-Gerät-Relation liegt landesweit bei durchschnittlich 2,3 Schülerinnen und Schülern pro Gerät. In Ballungsräumen ist sie besser, in ländlichen Regionen teils schlechter.
  • IT-Support: Rund 60 Prozent der Schulen arbeiten mit kommunalen IT-Dienstleistern zusammen. Viele Lehrkräfte übernehmen aber weiterhin technische Aufgaben, die nicht zu ihrem Kernauftrag gehören.

Der Lehrerverband Baden-Württemberg hat in einer Befragung von Anfang 2026 festgestellt, dass 44 Prozent der befragten Lehrkräfte mehr als zwei Stunden pro Woche mit technischen Problemen verbringen. Das ist verlorene Unterrichtszeit.

Neue Lernformen: Was sich im Unterricht verändert

Jenseits der Infrastruktur verändern sich Unterrichtsformen spürbar. An der Gemeinschaftsschule Tauberbischofsheim etwa arbeiten Klassen 5 bis 9 seit Herbst 2024 mit adaptiven Lernpfaden in Mathematik. Das System erkennt, wo einzelne Schülerinnen und Schüler Lücken haben, und schlägt passende Aufgaben vor. Lehrkräfte erhalten ein Dashboard, das den Lernstand der Klasse auf einen Blick zeigt. Die ersten Vergleichsarbeiten zeigten, dass die Streuung in den Ergebnissen abnahm, starke Schüler also weiterhin gefordert wurden, während schwächere besser mithalten konnten.

Solche Modellprojekte laufen an mehreren Dutzend Schulen im Land. Die Herausforderung liegt in der Skalierung. Was an einer Schule mit engagierten Lehrkräften und gutem Support funktioniert, lässt sich nicht einfach kopieren. Das Kultusministerium hat deshalb regionale Kompetenzzentren eingerichtet, sogenannte Medienbildungszentren, die Schulen beraten und Fortbildungen anbieten. Zwölf solcher Zentren gibt es inzwischen landesweit.

Überblick: Maßnahmen und Stand 2026

Maßnahme Status 2026
WLAN in Schulen 91 % abgedeckt
Medienentwicklungspläne 78 % eingereicht
Regionale Medienbildungszentren 12 aktiv
Lehrkräfte-Fortbildungen digital ca. 38.000 Teilnahmen 2025
Schüler-Gerät-Relation 2,3 zu 1

Lehrkräfte: Fortbildung als Schlüssel

Geräte allein verändern keinen Unterricht. Entscheidend ist, was Lehrkräfte damit tun. Baden-Württemberg hat das Fortbildungsangebot im Bereich digitale Bildung zwischen 2023 und 2025 verdreifacht. Rund 38.000 Lehrkräfte nahmen 2025 an Qualifizierungsmaßnahmen teil, von eintägigen Workshops bis zu berufsbegleitenden Zertifikatskursen. Das Landesinstitut für Schulentwicklung koordiniert diese Angebote und setzt zunehmend auf Peer-Learning: erfahrene Lehrkräfte bilden Kolleginnen und Kollegen an der eigenen Schule aus.

Wer sich einen Überblick über aktuelle Schulprogramme, Fördermöglichkeiten und regionale Initiativen in Baden-Württemberg verschaffen will, findet auf Portalen wie Baden Württemberg Schulen gebündelte Informationen zu laufenden Projekten und Anlaufstellen. Gerade für Eltern und Schulleitungen, die nicht täglich im Bildungsministerium mitlesen, ist eine solche Anlaufstelle praktisch.

Kritisch zu sehen ist, dass die Fortbildungsangebote stark auf freiwilliger Basis beruhen. Wer sich engagiert, profitiert. Wer keine Zeit oder keine Motivation hat, bleibt außen vor. Eine verbindliche digitale Grundqualifikation für alle Lehrkräfte, wie sie andere Bundesländer eingeführt haben, gibt es in Baden-Württemberg noch nicht.

Wo die größten Baustellen bleiben

Trotz der Fortschritte bleiben drei strukturelle Probleme bestehen. Erstens die ungleiche Verteilung: Schulen in wohlhabenderen Kommunen profitieren stärker, weil sie höhere kommunale Eigenanteile stemmen können. Die staatliche Förderung gleicht das nur teilweise aus. Zweitens die Personalfrage: Ohne feste IT-Fachkräfte an Schulen bleibt der Support fragil. Drittens die Curriculumsfrage: Digitale Werkzeuge sind vorhanden, aber Lehrpläne, die wirklich auf digitale Kompetenzen ausgerichtet sind, befinden sich noch in der Revision.

Das Kultusministerium hat für 2026 eine überarbeitete Version der Bildungspläne angekündigt, die informatische Grundbildung ab Klasse 5 verbindlich machen soll. Ob das in der Praxis greift, hängt davon ab, wie viele Lehrkräfte mit fachlichem Hintergrund im Bereich Informatik zur Verfügung stehen. Derzeit sind das deutlich zu wenige.

Baden-Württemberg hat in den vergangenen drei Jahren mehr bewegt als in den zehn Jahren davor. Die Grundlagen stehen, die Richtung stimmt. Aber zwischen einer gut ausgestatteten Schule in Stuttgart und einer unterversorgten Werkrealschule im ländlichen Raum liegen noch immer Welten. Das zu ändern bleibt die eigentliche Aufgabe der Bildungsdigitalisierung im Land.